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ÖGPH: Gesellschaft und Gesundheit - aktuelle und zukünftige Herausforderungen

20. wissenschaftliche Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Public Health


Die diesjährige Jahrestagung der Österreichischen Public Health Gesellschaft (ÖGPH) fand heuer vom 11. bis 12. Mai in Eisenstadt mit der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) als Kooperationspartner statt. Das Motto lautete „Gesellschaft und Gesundheit – aktuelle und zukünftige Herausforderungen“ und international renommierte Key-Note Speaker, wie Aaron Reeves (Institute for Social Protection, London School of Economics and Political Science) oder Wolfgang Rutz (ehem. Director Mental Health, WHO) ergänzten das Tagungsprogramm mit knapp 100 Vorträgen aus Public Health Forschung, Projekten und Praxis. In der Eröffnungsrede berichtete Thomas Dorner, Präsident der ÖGPH, dass die Gesellschaft starken Veränderungsprozessen unterworfen sei und diese massive Auswirkungen auf die Gesundheit hätten. Als Beispiel nannte Dorner den schwindenden Stellenwert von Fakten und Evidenz bei Entscheidungsprozessen. „Public Health spielt in alle Lebensräume des Menschen und wir als zuständige Gesellschaft sind gefordert, immer wieder durch Gespräche, aber auch durch Zahlen und Daten auf die Herausforderungen in diesem Bereich aufmerksam zu machen“, betont Dorner. „Jeder Einzelne sollte sich seiner Gesundheitsverantwortung bewusst bzw. sein eigener Gesundheitsmanager sein, denn jeder treffe täglich seine Entscheidungen dazu“, so Thomas Neumann, Generaldirektor-Stellvertreter der SVA. „Natürlich müssen auch die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür zur Verfügung stehen und für den Einzelnen stimmen. Wir können nur jeden ermutigen, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein und die Menschen dabei entsprechend zu begleiten.“ Aus seiner Sicht sei eine Kooperation von Praxis und Wissenschaft wichtig. „Dies hat sich auch klar beim Programm „Selbständig Gesund“ gezeigt, wo zuerst ein Projekt gestartet wurde und danach wissenschaftlich evaluiert wurde, bevor es dann in den Regelbetrieb überging.“


In der hochkarätig besetzten Diskussionsrunde mit Vertretern des Gesundheitssystems, des Sports und der Wissenschaft wurde sehr offen über die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Gesundheit diskutiert. „Ich würde sagen, dass nicht nur einzelne Zielgruppen unsere Sorgenkinder sind, sondern behaupten, dass die Herausforderung die gesamte Gesellschaft betrifft. Unzufriedenheit, das Gefühl zu den Benachteiligten zu gehören und Angst sind mit Wohlbefinden und somit mit Gesundheit nicht vereinbar“, so Dorner. Er sieht die größte Herausforderung in der Zukunftsentwicklung der Gesellschaft – vor allem im Bereich der Solidarität. „Meiner Meinung nach geht die Solidarität in unserer Gesellschaft immer mehr verloren bzw. ist dieser Wert derzeit nicht mehr positiv besetzt. Dazu haben wir auch noch ein Gesundheitssystem, das sehr stark darauf beruht, dass die, die mehr haben, auch mehr dazu beitragen, dass die Gesundheitsversorgung für alle leistbar ist. Geht das Bewusstsein für bestmögliche Gesundheit für alle Menschen verloren, würde das das Ende unseres Gesundheits- und Sozialversicherungssystems, wie wir es jetzt kennen, bedeuten“, erklärt der Präsident der ÖGPH.


„Gesundheit ist unser wichtigstes Kapital. Gerade für einen Selbständigen ist die eigene Gesundheit enorm wichtig. Denn schließlich steht und fällt das Unternehmen mit der eigenen Leistungsfähigkeit“, so Neumann. Daher setze die SVA voll auf Vorsorge, Prävention und biete ihren Versicherten spezielle Vorsorgeprogramme (zum Beispiel: „Selbständig Gesund“, „Gesundheits-Check Junior“ oder diverse Gesundheitsprogramme) an. Finanzielle Anreize führen laut Neumann immer zu großen Diskussionen. „Auch in der wissenschaftlichen Literatur wird bestätigt, dass „Nudges“, also kleine Anreize, zur Veränderung von Verhaltensweisen führen können. Als SVA bieten wir hier beispielsweise mit dem Programm „Selbständig Gesund“ die Reduzierung des Selbstbehaltes von 20 auf 10 Prozent an“, erklärt der SVA Generaldirektor-Stellvertreter.


Jan Pazourek, Generaldirektor der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse (NÖGKK) nannte in diesem Zusammenhang zwei große Herausforderungen. Zum einen die epidemiologische, wie zum Beispiel die bessere Versorgung bzw. Behandlung chronischer Krankheiten. Seiner Meinung nach funktioniere die Erstversorgung in Österreich sehr gut, aber wo es um den Umgang mit chronisch Kranken geht, bestehe noch großer Aufholbedarf. Zum anderen erklärte er, dass beispielsweise gesellschaftliche Institutionen, die Vertrauen und Sicherheit geben sollten, mit einem schlechten Image zu kämpfen haben. „Kritik und Verbesserungsvorschläge sind wichtig, damit man sich weiterentwickeln aber auch verbessern kann. Darüber freue ich mich. Als Institution „Krankenversicherung“ müssen wir Vertrauen auf-anstatt abbauen. Dies ist deutlich in den Diskussionen rund um die Zusammenlegungen zu spüren“, erklärt Pazourek. Ihm sei hier wichtig, dass in diesem Punkt sachlich überlegt wird, wie sinnvoll eine Zusammenlegung der Krankenkassen vor allem für die Versicherten wirklich ist.


„Ökonomie hat nicht nur mit Kosten bzw. mit Geldeinsparungen zu tun, sondern auch damit, welchen Nutzen man schaffen kann oder wie man das vorhandene Geld besser einsetzen kann“, Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). Als positives Beispiel nannte er das Programm „Frühe Hilfen“, die bedarfsgerechte Unterstützung von Familien in der ersten Lebensphase eines Kindes zum Ziel hat, um die positive Entwicklung von Kindern zu unterstützen. „Es freut mich, dass das Nationale Zentrum „Frühe Hilfen“ bei uns in der GÖG angesiedelt ist. Wir kümmern uns hier um die bundesweite Abstimmung und Vernetzung, aber auch um die Qualitätssicherung der Umsetzung sowie des Wissenstransfers.“


Für Christian Lackinger von der Sportunion ist Bewegung das Um und Auf zur Bekämpfung von Zivilisationskrankheiten. Daher solle dies in allen Köpfen verankert werden. „Es geht nicht darum, dass wir aus den Leuten Spitzen-Sportler machen, sondern um regelmäßige gesundheitsförderliche Bewegung und die fehlt sehr vielen.” In diesem Sinne wurde nicht nur theoretisch über die Wichtigkeit der Bewegung gesprochen, sondern die Tagungsteilnehmer gingen mit gutem Beispiel voran und absolvierten gemeinsam zum Tagungsende den speziell organisierten Public Health Lauf und Walk.


Die Jahrestagung der ÖGPH hat sich als die österreichische Konferenz in Sachen Public Health entwickelt. Jahr für Jahr trifft sich die heimische Public Health Community, die in den Bereichen Forschung, Lehre, Praxis und Policy tätig ist. Das Ziel ist es, sich untereinander auszutauschen, voneinander zu lernen, Forschungsergebnisse zu präsentieren und gemeinsam über die Zukunft nachzudenken. „Deshalb ist auch Public Health Forschung so wichtig, von der Gesundheitsförderungsforschung bis zur Versorgungsforschung. Und als Gesellschaft sollte es uns auch wert sein, diese adäquat zu finanzieren“, so Dorner abschließend.